Rush hour in London

September 22, 2017

“The train is approaching now, please make sure to stand behind the yellow line” Es ist mal wieder einer dieser Tage, an welchem sich die “Central Line” eher mit einer finnischen Sauna anstatt einer U-Bahn messen sollte. Trotz Zügen alle zwei Minuten während der Rush-Hour ist Körperkontakt vorprogrammiert, nur schon auf sein Handy zu schauen ist schwierig, es spielt aber eigentlich auch keine Rolle den Mobilnetzempfang gibt es in der sogenannten “Tube” sowieso keinen.

 

Seit über einem Monat lebe ich nun schon in London, habe mich längstens an die Kuschelfahrten in der U-Bahn gewöhnt und fühle mich bereits wie ein waschechter Londoner, auch wenn diese Metropole das genaue Gegenteil zu meinem Wohnort in der Schweiz darstellt. Zuhause wohne ich in einem Kaff mit knapp 150 Einwohnern, hier sind es über 8 Millionen, Läden gibt es dort nicht, hier gibt es einen Supermarkt an wortwörtlich jeder Ecke, das Muhen der Kühe ist dem Heulen der Polizeisirenen gewichen. London ist eine Stadt, die niemals schläft. Die kleinen Shops an der Strassenecke haben fast rund um die Uhr geöffnet, Busse verkehren die ganze Nacht, Züge durchbrechen die späte Stille und Menschen lachen in den Strassen. Wie geschäftig das ganze tagsüber abläuft übersteigt schon fast die Vorstellungskraft eines jeden Schweizers, ich auf jeden Fall werde mich nie wieder über volle SBB Züge und Stau in der Innenstadt beschweren, ich wurde hier eines Besseren belehrt. Für gewisse Leute mag dieser ganze Trubel zu viel sein, 300 Menschen auf einem Perron unausstehlich, 30 Minuten anstehen bei Primark nur für ein T-Shirt ein Horror, ich sehe das jedoch genau anders herum. Die ganze Stadt wirkt wie ein riesiger Ameisenhaufen, man kann einfach darin eintauchen und verschwinden und eins werden mit der City, während man auf der anderen Seite weiss, dass egal man tut, man nie alleine sein wird.

 

Genauso wie im alltäglichen Leben haben die Briten auch im Berufsleben eine lockere Einstellung als wir Schweizer. Gewiss wird auch hier eifrig gearbeitet und die Tage dauern auch meist länger als von “Nine to Five”, jedoch ist die soziale Komponente um einiges grosser als bei uns in der Schweiz. Dem Chef in der Bar oder gar im Club begegnen kommt zuhause meist einer Katastrophe gleich, hier in London ist es fast schon normal, gegen Ende der Woche mit den Kollegen auf ein Bier (oder auch zwei) in das Pub um die Ecke zu gehen. Die generell im Englisch herrschende “DU Kultur” setzt sich auch im Berufsleben vor, besonders in einem Start Up, wie jenem in dem ich arbeite, wird vom Praktikanten bis zum CEO jeder beim Vornamen genannt, eine Geste die auf einer Seite die Distanz und Karriereleiter teilweise schmälert, meiner Meinung nach jedoch auch einen Einfluss auf die Arbeitsmoral hat. Der Arbeitsalltag wird lockerer angegangen, ja teilweise sogar zu locker für Schweizer Verhältnisse, oft verschmelzen die Grenzen von Arbeits- und Privatleben, fast schon ein Tabu in unserer Arbeitswelt. Ich empfinde das Ganze jedoch als sehr angenehm, wenn auch teilweise ein wenig frustrierend, speziell dann wenn man nach gewohnter Manier ein Projekt zügig erledigt haben sollte, sich die britischen Kollegen jedoch nicht wirklich unter schnellem Zugzwang sehen.

 

Im generellen sehe ich das Leben in London, zumindest nach meinen ersten Wochen, als reicher an als das unsere, auch wenn die Menschen auf einer finanziellen Ebene meist schlechter dastehen als die meisten Schweizer. Für mich ist Amerika das Land meiner Träume, das Land der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten, während die Schweiz von vielen eher als Fabrik und fast schon Gefängnis bezeichnet wird. Das Vereinigte Königreich, und speziell London, ist für mich ist eine Art Spagat zwischen der amerikanischen Lebensfreiheit und der Schweizer Seriosität, für mich momentan der ideale Ort um mein letztes Lehrjahr zu absolvieren.

 

 

 

 

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